Politik

Helm oder nicht Helm – das darf sich jeder weiterhin fragen

Der Bundesgerichtshof hat diese Woche entschieden, dass eine verunfallte Fahrradfahrerin ohne Helm keine Teilschuld mitzutragen hat. Dies hatte zuvor ein Gericht so entschieden, was dazu führte, dass über eine Helmpflicht durch die Hintertür spekuliert wurde. Dies ist nun vom Tisch und ich finde, das ist gut so.

Tragt Helme!
Natürlich ist es mehr als vernünftig, beim Fahrradfahren einen Helm zu tragen. Als ich 2009 mein Auto gegen ein Pedelec tauschte, war es für mich logisch, dass ich auch einen Helm brauche. In erster Linie will ich mich mit dem Kopfschmuck auch gar nicht vor Fehler anderer Verkehrsteilnehmer schützen sondern schlicht meinen eigenen Fehler vorbeugen. Ein nicht beachteter Stein auf dem Radweg kann ja schon bewirken, dass man um einen Sturz nicht herumkommt. So hat mir mein Helm im letzte Jahr bereits gute Dienste leisten müssen, als ich eine Bordsteinauffahrt im falschen Winkel anfuhr und es mich auf die Seite warf. Ich rate also jedem Fahrradfahrer, einen Helm zu tragen.

Mehr Helme, weniger Fahrräder
Aber eine Helmpflicht für Radfahrer lehne ich entschieden ab. Es wäre eine Alibi-Regelungen, denn so sehr ein Helm auch schützt, die Leistungen eines Sicherheitsgurtes erreicht kein Helm dieser Welt. Kopfverletzungen haben nur einen kleinen Anteil an den Unfallverletzungen, Fußgänger ziehen z.B. fast genau so häufig Kopfverletzungen aus Unfällen als Radfahrer – dennoch würde niemand eine Helmpflicht für Fußgänger fordern. Ebenso zeigen internationale Studien, dass die Helmpflicht zu weniger Radverkehr insgesamt führt. Den aktuellen Boom des Fahrrads damit abzuwürgen wäre fatal, sowohl für die verbliebenen Fahrradfahrer als auch für die Aussteiger, die sich nicht mehr der regelmäßigen Gesundheitsförderung Radfahren aussetzen.
Hinzu kommen interessante Beobachtungen, dass behelmte Radfahrer dazu neigen, riskanter zu fahren, auf Grund des empfundenen Schutzes. Und genauso werden Fahrradfahrer von Autofahrern im Schnitt enger überholt, wenn sie einen Helm tragen. Eine Beobachtung, die mein subjektives Empfinden stützen würde.

Wir brauchen eine neue Verkehrskultur
Die einzigen beiden Punkte, die Radfahren meines Erachtens wirklich sicherer machen würde kann man in der Fahrradnation Holland beobachten. Trotz fehlender Helmpflicht gibt es hier signifikant weniger getötete Fahrradfahrer als z.B. in US-Staaten mit Helmpflicht. Weil in Holland zum einen das Fahrrad derart als Mobilitätskonzept etabliert ist, achten alle anderen Verkehrsteilnehmer viel mehr auf Fahrräder. Hinzu kommt eine bessere Infrastruktur mit den bekannten Radschnellwegen, die in ersten Projekten nun endlich auch in NRW umgesetzt werden. Wenn wir hier mit Regelungen für mehr Sicherheit arbeiten wollen, wäre vor allem ein grundsätzliches Tempo 30 innerorts viel effektiver.

Mit zunehmendem Radverkehr, gerade in den Innenstädten, wird es hoffentlich auch hier zu einem neuem Miteinander im Straßenverkehr kommen. Wenn es nicht mehr überrascht, dass ein Radfahrer auf der Straße fährt und ihm selbstverständlich an einer Rechts-vor-Links-Kreuzung die Vorfahrt gewährt wird, dann werden auch die Unfälle mit Radfahrern sinken – und zwar nachhaltiger, als ein Helm dies vermag.

Welt – Warum Gesundheitsexperten die Helmpflicht ablehnen
Leipziger Volkszeitung – Glaubensfrage Fahrradhelm
taz – Eine Helmpflicht wäre fatal

2 Kommentare

  1. Radfahrer

    Über die Nützlichkeit eines Fahrradhelmes:
    http://fahrradzukunft.de/14/wirksamkeit-von-fahrradhelmen/ sowie http://fahrradzukunft.de/pdf/fz-ausgabe-14.pdf

    Den Ausbau sowie diskursiv-infrastrukturellen Wandel der (innerstädtischen) Radkultur sehe auch ich als einzig profunden und m.E. auch gangbaren Weg in eine attraktivere, sozialere, naturverbundenere, gesundheitsfördernde und damit auch geld- bzw. ressourcenschonende Zukunft von (Groß-)städten oder allgemein formuliert humanem und nachhaltigem Zusammenleben.

  2. Wie Du richtig schreibst, sind Kopfverletzungen bei Unfällen mit Radfahrern die weitaus seltenste Art, sich den Kopf zu verletzen. Die Hannelor-Kohl-Stiftung hat das vor 10 Jahren mal <a href="http://www.andreas-edler.de/blog/2007/05/fahrradhelm-testbedingungen-und-schutzwirkung/"aus Versehen veröffentlicht und seitdem ist es nie wieder so zu sehen gewesen. Wenn ich nu dazu aufrufe einen Helm zu tragen, bei einer Fortbewegungsart die bei den Kopfverletzungen mit Abstand ganz hinten liegt, wie sinnvoll ist das? Richtig, gar nicht.

    Damit gibt man den nicht Radfahrern doch lediglich das Signal „Fahrradfahren ist gefährlich, ich muss mich schützen!“ – obwohl es gerade anders herum richtig ist. Nicht das Fahrrad fahren ist gefährlich, die anderen gefährden! Letzteres wird aber durch die überbrodende Helmdiskussion erfolgreich verdrängt und genau darum ändert sich auch nichts. Es soll jeder einen Helm tragen, der möchte, genau wie jeder dem Glauben anhängen darf, den er gut findet. Nur sollte das seine Sache sein.

    Ich halte Aufrufe zum Helmtragen was die Förderung des Radverkehrs angeht, sogar für kontraproduktiv! Ich renne übrigens nicht rum und versuche Menschen zu überzeugen, auf den Helm zu verzichten. Ich sage ja auch niemandem, er soll aus der Kirche austreten. Ich widerspreche aber sehr gerne, wenn jemand ohne Beleg warum, das Tragen einer Styroporschale nebst Glattverkleidung zur Anbringung von Farbe propagiert. Was die Schutzwirkung von Fahrradhelmen angeht, gibt es erfreulicherweise inzwischen auch Experten/Gutachter, die diese anzweifeln. Vor Schrammen schützt er unwidersprochen, aber es hat schon einen Grund, warum ein Integralhelm für Motorräder so komplett anders aufgebaut ist, als diese Schüsselchen für’s Fahrrad. Und die Fallhöhe ist gleich!

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