Politik

Warum ich das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger richtig und wichtig finde

Jetzt haben wir ihn also, den ersten offen homosexuellen, deutschen Profi-Fußballspieler – okay, ehemaligen Profi-Fußballspieler. Thomas Hitzelsperger hatte diese Woche sein Coming-Out mit einem Interview in der Zeit. Ich habe mich über die Nachricht sehr gefreut.

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Zum einen freut es mich immer, wenn sich jemand traut, ein Coming-Out zu machen, egal ob prominent oder unbekannt. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich es selber schon hinter mir habe und daher nachvollziehen kann, was für eine Last ein Coming-Out von einem nimmt und wieviel besser das Leben danach wird.

In Thomas Hitzelspergers Fall freut es mich zusätzlich, dass es ein Sportler ist, der allen Klischees vom weichen, schwachen, eben schwulen Mann wiederspricht. Hitzelsperger hat sich in England seine ersten Sporen verdient, wo das Liga-Pflaster bekanntlich etwas rauher sein soll. Wegen seines starken Schuss nannten ihn die Fans „The Hammer“. Vom Auftreten und Aussehen hat Thomas Hitzlsperger nichts, was das Klischee schwulen Männern zuschreibt. Ich denke, diese Vorurteile sind der Grund, warum es um einen kleinen, zierlicherern Sportler wie Philipp Lahm immer wieder Gerüchte gibt.

Dann ist Thomas Hitzlsperger nicht irgendein Fußballer, sondern einer, der über 50mal das Trikot der Nationalmannschaft getragen hat, der Kapitän einer deutschen Meistermannschaft war. Eben ein Fußballer mit national wie international bekanntem Namen.

Ehe Du mit Deinen Aussagen die heutige Presselandschaft gerockt hast, besaß das Thema Homosexualität im Fußball immer den Beigeschmack einer weit entfernten Randgruppen-Nische: Schwule Fußballer, das waren bislang Beinahe-Ex-Profis, schwedische Zweitligaspieler oder US-Amerikaner; deren Namen wir nie zuvor gehört hatten. Auch deren öffentliche Coming Outs waren mutige, menschlich extrem hoch zu bewertende Aktionen, die weitergeholfen haben. Aber sie haben auch den Eindruck vermittelt, dass es für prominente Fußballer auch im Jahr 2014 noch eine zu große Klippe darstellen dürfte, einen ähnlichen Weg zu wählen. – Arndt Zeigler, WDR

Wenn ich daran denke, wie mein Puls ging, als ich damals meinen Freunden, meinen Eltern, meinem Bruder meine Homosexualität eröffnete, ist mein Respekt für Thomas Hitzlsperger unfassbar groß. Zumal es sich nicht mit einem Coming-Out erledigt hat, denn der Alltag ist anschließend voller kleiner Coming-Outs, eben immer dann, wenn im Gespräch der Partner eingeflochten wird. Achtet mal darauf, wie oft ihr in der Woche von eurem Partner sprecht. Genau diese Offenheit soll mit einem Coming-Out erreicht werden.

»Nach mehreren Verletzungen haben mir Ärzte im Sommer 2013 zur Beendigung meiner Profikarriere geraten. Ich hatte danach viel Zeit, nachzudenken und mein Leben zu reflektieren. Dabei wurde mir klar, dass zu einem Neustart auch der offene Umgang mit meiner Sexualität gehört. – Thomas Hitzelsperger auf seiner Homepage [pdf]«

Diese Offenheit ist auch kein Auf-die-Nase-binden, denn meine Sexualität ist so viel mehr als die Tatsache, mit welchem Geschlecht ich Sex habe. Für einen heterosexuellen Menschen ist der offene Umgang mit seiner Sexualität selbstverständlich, niemand stört sich ernsthaft an Händchen-haltenden Paaren, an flüchtigen Küssen oder dass man nach einem Geschenk für seinen Partner im Geschäft fragt. Zu behaupten, Homosexuelle würden einem die Sexualität aufzwingen, wenn sie einfach genau so ihre Sexualität Leben wie Heterosexuelle, ist daher in meinen Augen verlogen.

Ich verstehe jede Meinung, dass das Coming-Out eines Prominenten heutzutage doch keine Meldung mehr sein sollte, ich wünsche mir diesen Zustand sogar sehr. Dass die Realität anders aussieht, erkennt man nicht nur an den zahlreichen Meldungen und Interviews zum Coming-Out in dieser Woche. Man muss auch nicht in die Ferne schauen, wo in Russland das Reden über Homosexualität unter Strafe steht oder in Katar 5 Jahre Haft drohen (und die FIFA Homosexuelle darum bittet, aus Respekt vor dem Gastgeberland während der WM2022 auf Sex zu verzichten). Sondern es reicht auf 136 gewalttätige Übergriffe auf Homosexuelle in Berlin im vorletzten Jahr zu schauen, um zu sehen, was einem in unserem Land passieren kann, nur weil man homosexuell ist. Es reicht, in die Kommentare der Petition gegen den neuen baden-würtembergischen Lehrplan zu sehen, was Menschen davon halten, dass Akzeptanz sexueller Vielfalt im Unterricht behandelt werden soll. Und es reicht, eure homosexuellen Freunde zu fragen, ob sie wirklich völlig sorglos Hand in Hand spazieren gehen und in jeder Situation wie selbstverständlich offenbaren, dass sie nicht heterosexuell sind.

Thomas Hitzlsperger will mit seinem Outing »jungen Spielern und Profisportlern Mut machen«. Ich glaube, er hat viel mehr als das schon erreicht, denn mit ihm haben junge Schwule nun ein echtes Idol, dessen Coolness meines Erachtens weit über der von schwulen Politikern, Pop-Stars und Schauspielern liegt. Wenn er nur einen Jungen, der unter seinem Versteckspiel in einem homophoben Umfeld leidet, damit Mut macht und aufzeigt, dass einem auch als Homosexueller alles möglich ist, dann hat er doch alles richtig gemacht.

Was wir brauchen, sind mehr mutige Männer und Frauen, die dafür sorgen, dass kein Mut mehr dazu gehört, man selbst zu sein. – Esther Schapira, NDR

1 Kommentar

  1. Ein sehr schöner Eintrag, dem ich nur zustimmen kann. Danke!

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